Das fliegende Auge: Minority Report
Dieser Film ist, sehr wörtlich genommen, ein Angriff auf die Augen. Wie immer in einem Spielberg-Film gilt: achten Sie auf den kleinen Jungen. Hier sitzt einer gleich zu Beginn des Films am Tisch im familiären Dreieck (das bereits ein Viereck geworden ist: der Liebhaber vor der Tür wartet darauf, dass Papa das Haus verläßt) und bastelt sich eine Maske, indem er mit einer grotesk großen Schere der Werbefotografie einer Frau die Augen aussticht.
Das mehr als bloß die die Vorausschau auf den Mord aus Eifersucht, so wie ihn die »Pre-Cogs«, das Orakel der Zukunftspolizei, vorhergesehen haben, und wie er gerade deshalb nicht stattfinden wird. Das ist, in der technisch durchkontrollierten Gesellschaft des Jahres 2054, eine Überlebensstrategie: wenn die Werbung in der Zukunft Augen hat, wenn die Gegenstände einen wahrnehmen, hilft es nur noch, ihnen die Sicht zu nehmen, sich zu maskieren. Oder selbst zur Werbung werden, in vollständiger Angleichung an die Verhältnisse.
II.
In der bizarrsten und lustigsten Szene des Films rennt Cruise seinen beiden Augen hinterher, die, wie ein amerikanischer Filmkritiker bemerkte, zusammen immerhin 25 Millionen Dollar wert sind. Da lohnt es sich zu springen. Eines der beiden entwischt ihm durch den Gullydeckel. Stellt sich die Frage: Wäre ein einäugiger Cruise noch 10 Millionen wert?
III.
25 Millionen Dollar: das entspricht zudem ziemlich genau der Summe, die das Produktionsstudio 20th Century Fox für Product Placement, das sichtbar-unsichtbare Zurschaustellen von Markennamen irgendwo im Filmset, bekommen haben soll: unter anderem haben so die Firmen Gap, American Express, Toyota, Nokia, Pepsi, Reebok, Burger King, Guinness, Fox und Bulgari den Film finanziert. Die Zukunft der Werbung liegt allerdings weniger in ihrer Personalisierung, wie uns die Futurologen, die am Design von »Report« mitwirkten, glauben machen wollen (»John Anderton, you look like you could use a Guinness!«). Sondern darin, dass sie uns unausweichlich von jeglicher Oberfläche entgegenlächeln wird, sichtbar und unsichtbar zugleich. Dass zusehende Augenpaare Geld wert sind, ist natürlich sowas wie eine Minimaldefinition von Film- und Werbeindustrie, die man folglich zutreffender vielleicht als »Augenindustrie« zusammenfassen sollte.
IV.
Reizend an dem Film sind tatsächlich die kleinen Details, zum Beispiel, dass die Polizei der Frau von Anderton, der sicher verwahrt im Tiefkühlgefängnis vor sich hin dämmert, sämtliche persönlichen Gegenstände ihres Mannes aushändigt, inklusive Dienstwaffe und dem verbliebenen Auge. Mehr braucht es dann nicht, um in einer Kontrollgesellschaft in ein Hochsicherheitsgefängnis zu spazieren und einen Gefangenen zu befreien.
Oder der Fluchtwagen, der um den verfolgten Anderton herum gebastelt wird, als sehr wörtliche Umsetzung des in der Automobilbranche so beliebten Slogan der »just in time«-Produktion. Oder dass die Namen der zukünftigen Mörder durch eine Art Lotterieziehung bekannt gegeben werden. Oder wie sich ganz nebenbei das Rätsel des dritten Mannes im Raum auflöst: es ist die Konsumgesellschaft selbst, noch eine versteckte Werbung, die nicht als solche erkannt wurde.
V.
So sieht polizeiliche Aufklärung in fünfzig Jahren aus: Tick, Trick und Track dümpeln im Ententeich ihrer Visionen, im Gebärmutterleib der Polizei, die ihre Bürger beschützt, indem sie genmanipulierte Kinder drogenabhängiger Eltern unablässig die Alpträume der Gesellschaft durchleben lässt. Die drei »Precogs« sollen so etwas wie das unschuldige Gewissen des Films darstellen, die Dreieinigkeit der höheren Auserwähltheit, aber gegen die gruslige Esoterik des feucht eingelegten Orakeltrios wirken sprechende Billboards, augenscannende Roboter-Spinnen und fliegende Polizeitruppen noch wie die harmloseren Elemente dieses futuristischen film noir mit Horror-Touch.
VI.
Dass die Kontrollgesellschaft nicht in einem zentralisierten Staatsapparat à la »1984« bestehen wird, darüber sind sich alle Experten einig. Das Panoptikon der Zukunft ist kein staatliches, sondern ein von der Konsumgesellschaft errichtetes Netz totaler Überwachung, vulgo »Kundenservice«. »Where do you want to go today?« fragt die weltgrößte Firma, ohnehin Vorreiter im Projekt »gläserner Kunde«, heute schon ganz unverblümt. Der Einfall, dass virtuelle Werbewände die Passanten auf der Strasse per Augenscan identifizieren und direkt ansprechen, ist so in Realität (noch) undurchführbar, in einem anderen Medium jedoch bereits technisch implementiert: im Internet wird dank der elektronischen Spuren, die ein unvorsichtiger Surfer hinterlässt, die Bannerwerbung der Sites persönlich abgestimmt.
VII.
»Öffne Deine Augen« hieß das spanische Original, in dessen Remake »Vanilla Sky« Tom Cruise die Hälfte des Films mit schwer verzerrter Visage herumlief. Gesichtsentstellendes Make-Up ist bei den Hollywood-Beaus ja schwer in Mode, seit Brad Pitt sich im »Fight Club« die Fresse zu einem blutigen Klumpen schlagen ließ. Auch in »Minority Report« verwandelt sich Cruise durch eine ins Kinn injiziierte Spritze in einen hundertjährigen Faltengreis, um so den Überwachungskameras zu entgehen. Vielleicht liegt in diesem Zwang zur Entstellung so was wie die Rache fürs zu viel Angeschautwerden. Wenn Cruise mit seinen beiden Kindern im blauen Porsche durch die Stadt fährt, trägt er Sonnenbrille und Baseballmütze, um von anderen Autofahrern nicht erkannt zu werden. Aber bei jedem »Minority«-Filmplakat rufen die Kinder: »Look, there's Dad!«.
VIII.
»Ich muss keinen Drogenabhängigen spielen, um als Schauspieler ernst genommen zu werden.« (Tom Hanks im SPIEGEL-Interview zu »Road to Perdition«.)
