Der andere Sex and the City
Drei Frauen. Dreimal New York. Dreimal Amos Kollek.Vor allem dreimal Anna Thomson. In »SUE« spielt sie eine Sekretärin, die über Nacht ihren Job verliert. Ein Working Girl, würde Annett Busch, in Bezug auf ihren Text in Spex 05/2005, treffend feststellen.
Die Arbeitslosigkeit stürzt Sue nicht in eine Sinn-, sondern in eine Existenzkrise. Scheinbar ziellos irrt sie durch die Stadt. Mit Kopftuch, Trenchcoat und übergroßer Sonnenbrille bewehrt, wirkt sie wie eine europäische Filmdiva, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Die Verkleidung ist kokette Maskerade. Es würde sie sowieso niemand mehr erkennen. Die Anonymität, in der Sue versinkt, aus der heraus sie sich aber ein neues Leben aufbauen will bzw. muss, ist auch ihrer Unbeholfenheit im Umgang mit anderen Menschen geschuldet. Sue sagt: »I can only communication through sex«.
Ihre Abenteuer, die keine sind, wirken nie wie der verzweifelte Versuch Nähe zu finden, sondern wie eine Form der Kommunikation zwischen Fremden. Der Austausch beginnt erst, sobald die Körper ins Spiel kommen. Die Ambivalenz ihrer Weigerung, Sex als materielles Geschäft zu verstehen, wird offenbar. Zwar besteht Sex für Sue aus den einzigen Kontaktmomenten zwischen einander fremden Individuen. Doch NYC wird sie letztlich zwingen, Profit aus diesen Momenten zu schlagen. Sue kann nur verlieren. Die Stadt, gegen die sie sich mit aller Macht stemmt bei dem Versuch ihr Leben wieder unter Kontrolle zu bringen, bleibt ihr gegenüber gleichgültig und lässt sie schließlich vereinsamt auf einer Parkbank zurück. Worin die Tragik begründet liegt, deutet Kollek im ebenso schnell wie anmutig grau gedrehten ersten Teil seiner Trilogie nur an. Kurz wird Sues an Alzheimer erkrankte Mutter gezeigt, die apathisch aus dem Fenster starrt, während sie mit ihrer Tochter, einer Fremden, telefoniert.
Im Fall von „FIONA“ bindet Kollek die Mutter seiner Heldin aktiver ein und lässt sogar eine schicksalhafte Begenung der beiden Frauen zu. Am Anfang von erscheint ein Zwischentitel mit der alles andere als simplen Frage: »What is life?«. Der Film findet nur wenige Einstellungen später zu einer Antwort, als er Fionas Mutter, die ihr Kind gerade an einer Straßenecke ausgesetzt hat, sagen lässt: »Life is shit«. Noch stärker als in »Sue« steht Sex im Vordergrund, obwohl er hier fast ausschließlich zum Fetsisch im marxschen Sinne degradiert ist – zum Handelselement auf dem freien Markplatz der Emotionen. Der Versuch Zärtlichkeit im harten Millieu des Crackhouse zu produzieren, in das die mittlerweile erwachsene Fiona zwischenzeitlich einzieht, scheitert. Dass Kollek an Originalschauplätzen und nur zum Teil mit professionellen Schauspielern gedreht hat, verleiht »Fiona« eine aufgeriebene Authentizität, in der selbst das vermeintliche Happy End zu verschwinden droht. Anna Thomson wirkt vor diesem Hintergrund, der einem Alptraum von Nan Goldin entsprungen sein könnte, nur um so deplatzierter, verletzlicher und gleichzeitig empathischer. „FIONA“ schafft genau wie sein Vorgänger das beste Antidot gegen die glattgebügelte Oberfläche eines Lebens in New York, die »Sex and the City« zeichnet. Wo die Fernsehserie eine anekdotische Erzählweise gebraucht um zusehenden Frauen und nicht zuletzt Männern, die Existenz weiblichen Begehrens zu beweisen, setzt Kollek dieses Begehren als gegeben voraus. Sex ist das Mittel, New York der Kontext und seine Darstellung um vieles widersprüchlicher und spannender.
Der letzte Film in der Trilogie, „BRIDGET“, enstanden 2002 geht Kollek einen Schritt weiter und vollzieht den endgültigen Perspektivwechsel. Nicht ein Kind auf der Suche nach Kontakt zu seiner Mutter, sondern eine Mutter, die versucht ihren Sohn zurückzugewinnen, spielt die Hauptrolle.
Der Regisseur setzt dabei augenscheinlich viel weniger auf eine szenische Inszenierung wie bei Sue und Fiona, sowohl beiläufigen wie bedeutenden Momenten das gleiche Gewicht verleiht, sondern nähert sich einer Mainstreamerzählweise an. Gleichzeitig enttäuschen gleich zu Beginn einige surreale Szenen, die Eurotrash-Geister á la Jean Rollin heraufbeschwören, ohne diese jedoch in irgendeinen Bezug zum Rest des Films zu setzen. Nichtsdestotrotz hat »Bridget« ihre guten Momente. Wenn sie in ihrer neuen Rolle als Supermarktkassiererin eigentlich fragen will, ob die Dame an der Kasse eine weitere Tüte braucht, dann aber nur ganz freudianisch: »Would you like another fuck?« herausbringt, legt Kollek eine Fährte vom McJob zur Prostitution und kann sich trotzdem der Lacher sicher sein, die ihm wichtiger geworden zu sein scheinen.
Seine Trilogie darüber, wie einen NYC auffressen kann, wie hart es working girls (und auch boys) beizeiten haben, in welchen Kontexten Sex wie benutzt wird, lebt von den kleinen, gnadenlosen Details und einem harten fast cinema verité geschuldeten Blick auf eine Stadt und ihre Bewohner. Der 1947 in Jerusalem geborene Kollek ist ein stiller und steter Erzähler der besseren New Yorker Geschichten.
