Sublime Excess
»Laurel Canyon« spielt in L.A. und handelt von der Musikindustrie, von Arbeit, Nervensträngen und davon, wie Begriffe stets am Leben vorbeischliddern.
Mit dem Namen Frances McDormand denken die meisten wohl noch immer an die Polizistin aus »Fargo«, wie sie mit einer Tasse Kaffee und hochschwanger am Unfallsort durch den Schnee stapft. Nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen. Stets einen spröde charmanten Konter auf den Lippen, so hält sie sich ihre Umwelt auf Distanz - und doch gerät ein jeder in ihren Bann. In »Laurel Canyon« sieht man sie vor allem am Swimming-Pool oder im Aufnahmestudio - mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einer Kippe im Mundwinkel. Frances McDormand diesmal in der Rolle einer Musikproduzentin.
Der Plot wäre reif für »Verbotene Liebe«: Mutter spannt Sohn die Freundin aus - und die Konstellation gemacht für ein dysfunktional family Psychodrama. Der Zufall will, dass Sam (Christian Bale), stets darum bemüht, dem unorganisierten Leben seiner Mutter mit klaren Karrierevorstellungen zu widersprechen, mit seiner smarten, schüchternen Freundin Alex (Kate Beckinsale) für einige Wochen eben dort wohnt. Musiker hängen rum, kiffen, Parties finden statt. Kein Ambiente, um konzentriert an einer Dissertation über das Fortpflanzungsverhalten von Fruchtfliegen zu schreiben. Der Plan war ein anderer. Sam lernt es, Arzt in der Abteilung für Neurologie zu werden und lässt sich als erstes von einer Kollegin den Kopf verdrehen. Das junge Paar hat kaum Zeit füreinander, die Dinge nehmen ihren Lauf und es wäre ein leichtes gewesen, die Ereignisse nun eskalieren zu lassen.
Doch stellt die Regisseurin Lisa Cholodenko (»High Art«, »Six Feet Under«) jedes dramatische Potential vom Kopf auf die Füsse, zielt weder auf Tabubruch, Moral oder sexuelle Revolution, sondern setzt genau an jenen Punkten einen Schnitt, wo die Protagonisten mit ihrem Begehren, ihren Ängsten, ihrer Coolness und Wertvorstellungen ernsthaft in Trouble geraten. Dann wird das Objektiv gewechselt, der Fokus weiter, kommt die Umgebung mit ins Spiel. Handelt jemand in einer Weise, wie man es nicht gedacht hätte.
Und es ist diese letzte Geste von Frances McDermand, die den Film mitten ins Herz trifft - alles bleibt in der Schwebe, jeder Moment kann kippen. Sie sitzt am Swimming-Pool mit einer Tasse Kaffee und einer Kippe, schaut rüber zu ihrem Sohn, schlenkert entschuldigend mit der Hand und lächelt. Nimms nicht so schwer mein Junge, könnte man sie denken hören, entspann dich.
Text: Annett Busch
