Liebe deine Panik wie dich selbst

Es wäre unter Umständen auch möglich gewesen an dieser Stelle dabei zuzusehen wie sich der amerikanische Filmregisseur George Lucas um das letzte bisschen Kredibilität und Würde bringt. Aber danach ließe sich sowieso nur wieder schreiben, dass die Star Wars Mythologie ja im strengeren Sinne dem Fantasy- und nicht Science Fiction-Genre zuzurechnen sei und deshalb auch gerne Quatsch sein durfte und darf. Ein Raumschiff macht noch keinen Lem. Ein anderes Raumschiff, das gerade mitsamt seiner illustren Insassen in den hiesigen Multiplexen landet dagegen schon. Und noch darüber hinaus. Es scheint fast als hätte jemand posthum einen lange gehegten Wunsch erfüllt bekommen. Hollywood möge doch bitte sein erfolgreichstes Buch verfilmen. Stanislav Lem graust es nach wie vor vor solchen Wünschen. Dem anderen wohl nicht. Er wird recht behalten.

“Panic is the key psychological mood of postmodern culture.”
(Einleitung zur Panic Encyclopedia von Arthur und Marie-Louise Kroker)

“Flying Saucers. Levitation. Uhhh...I can do that!”
(Talking Heads)

Am Anfang

Ursprünglich war der Hitchhiker's Guide to the Galaxy vom bis dato eher mässig erfolgreichen Schriftsteller und Cambridge Absolventen Douglas Noel Adams 1978 als Höspiel für die BBC konzipiert worden. Die Legende besagt, dass Adams acht Jahre zuvor betrunken auf einer Wiese in Insbruck lag, bei sich eine geliehene Kopie des “Hitchhikers Guide to Europe”, in die Sterne starrte und dachte:”If only someone would write a Hitchhiker's Guide to the Galaxy as well, then I for one would be off like a shot”. Den Wunsch erfüllte Adams sich und ein paar Millionen anderen Menschen höchstpersönlich. Der Anhalter und seine Nachfolger erzählen von der Notwendigkeit von Umgehungsstraßen, vogonischer Lyrik, dem paranoiden Androiden Marvin (richtiger, aber weit weniger schön, wäre an dieser Stelle “depressiver Roboter”), dem mit Unwahrscheinlichkeitsantrieb bestückte Raumschiff “Herz aus Gold”, dem Teetrinker und mittlerweile heimatlosen Briten Arthur Dent, nervigen Türen, dem Ende der Welt und warum das alles kein Grund zur Panik ist. Ein Aufruf dieses Buch und alle folgenden doch noch zu lesen erscheint fast zwecklos. Wer bisher nicht soweit gekommen ist wird gute Gründe haben, und sei es nur das ganz persönliche entnervt sein von der Zitatwut und Euphorie ihn umgebender Adamsfanatiker. Die jedoch, obwohl die Schnittmenge nicht zu leugnen sein dürfte, automatisch gleichzusetzen mit anderen grasssierenden Nerd-Movements im Science-Fiction Bereich, tritt zu kurz. Treckies verständigen sich über ein gemeinsame Vision, Anhalter über eine gemeinsame Realität. Vor allem den Blick auf jene. Der ist gekennzeichnet von einem Kniff den Douglas Adams in allen seinen Büchern immer wieder gerne anwendet. Er sucht sich etwas, über das er schreiben will, fixiert es und kurz bevor es klare Formen annimmt, tritt der Erzähler scheinbar einen Schritt zur Seite und beschreibt aus dem Augenwinkel was er sieht. Eine größtmögliche Ausweichbewegung des Betrachters gegenüber dem Objekt seiner Betrachtung. Unten raus kommt allzu oft was sich Objektivität nennen ließe. Dass ausgerechnet die dann lustig ist, bleibt eines der großen Adamsschen Geheimnisse. Die hochgradig mit allem möglichen konnotierte und gerne lang ausgebreitete Christusgeschichte aus dem Augenwinkel auf die simple Form: “..., one man had been nailed to a tree for saying how great it would be to be nice to people for a change,...” einzudampfen, rückt jedenfalls einige Relationen ordentlich zurecht.

Adams schafft Distanzen und relativiert dabei ständig nicht zuletzt die Bedeutung des abgelegenen blauen Planeten, den Arthur Dent seine Heimat nannte, nur um laufend Verhaltensweisen, Systemen und Argumentationen die allzu irdisch sind, im wahrsten Sinne des Wortes universelle Bedeutung zu geben. Das Universum das er sich im Zuge dessen geschaffen hat, ist ein satirisches und die Kritik an den zahllosen Fehlbarkeiten des Ist-Zustands 1979 bis Heute formuliert Adams als augenzwinkernder Spötter. Zugute kommt ihm dabei sein feiner Sinn für Sprache und die Bewandheit auf so scheinbar wesensfremden Themengebieten wie Astrophysik, KI, Cocktailmixen, Evolution und inszenatorische Elemente des Starkults im Rock 'n Roll.

In Bildern

Wie lässt sich sowas verfilmen? Die BBC versuchte sich in den 80er Jahren an einem Fernsehmehrteil der aber dank mangeldem Budget und dementsprechend kruder Tricktechnik retrospektiv nur unfreiwillig für Lacher sorgt. Adams träumte wie erwähnt selbst immer davon Hollywood möge sich des Stoffes annehmen. Noch kurz vor seinem Tod 2001 saß er an einer überarbeiteten Fassung des Drehbuchs, die nun dem Film von Garth Jennings zugrunde liegt. Der war bisher unter anderem für das sehr hübsche Musikvideo “Coffee & TV” von Blur zur Verantwortung zu ziehen. Gelungen ist ihm eine Adaption die genug Nähe zum Original wahrt und trotzdem eigenständig ist. Viele Originalzitate aus dem Guide wurden, gesprochen von Stephen Fry, wurden mit liebevollen Animationen versehen. Wie überhaupt die gesamte Aussattung des Films Annerkennung verdient. Anstatt sich voll auf die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der CGIs zu stürtzen hat Jennings einen Kompromiss gewählt der geschickt eine Brücke schlägt zwischen Puppenbasteleien a la Jim Henson und moderner Bildherstellungstechnik, und dem Film eine angenehm eigene, fast europäische Optik verleiht. Mit ebensoviel Fingespitzengefühl wurden die Rollen gecastet. Sam Rockwell glänzt als Zaphod Beeblebrox, Martin Freeman gibt einen prächtig entnervten Arthur Dent und Mos Def spielt den auf der Erde gestrandeten Ausserridischen Ford Prefect. Mit oder auch ohne das von Diedrich Diedrichsen anno 1998 kompilierte Kongressbegleitbuch “Loving the Alien – Science Fiction, Diaspora, Multikultur”, zugegebenermassen eine geistreiche Bewegung. Zudem ja die bei Adams allgegenwärtigen Handtücher momentan im HipHop eine tragende Rolle als modisches Accessoir spielen. Ob als angedeutete Sportlerkarriere oder nützliches Allroundtool, in beiden Fällen geht es ums Überleben. Fit – but you know it. In einem Interview mit dem Drehbuchautor Karey Kirkpatrick sagt Mos Def: “Yes you're going to need your towel. You have to have it, this is important; it's a tough galaxy out there.”

Bei aller Freude über die erste ernstzunehmende Verfilmung des Stoffes bleibt nur ein kleiner Makel. Das Gejammere der Puristen. In der Rezeption der Verfilmung ihres Lieblingswerks legen die selbstbezeichneten Adamsianer nahezu die gleiche ungeheure Borniertheit an den Tag wie die zahlreichen Mäkler an den Herr der Ringe Verfilmungen des Neuseeländers Peter Jackson. Mit unbändiger Liebe zum Detail wird alles bemängelt was nicht mit dem Buch übereinstimmt und dabei gerne übersehen, das jenes ja auch nur eine Hörspieladaption war und das Drehbuch zum Film noch von Adams zu Lebzeiten verfasst wurde. Die von Kirkpatrick vorgenommenen Änderungen sind vernachlässigenswert und zum größten Teil der Tatsache geschuldet, das Spielfilme heutzutage nur noch selten länger als zweieinhalb Stunden sein dürfen. Es gibt wenig schlimmeres als zu meinen die absolute Deutungshoheit über anderer Leute Errungenschaften zu haben und zudem übersieht all das gesammelte anale Gebaren jener die sich als “wahre Fans” verstehen, gefliessentlich, was die katholische Kirche schon in den 50er Jahren verstanden hat: wenn unsere Botschaft die Möglichkeit hat sich exponential zu verbreiten, machen wir gerne Abstriche bei der Treue zum Quelltext, Mister Heston. Die ganz Begeisterten werden soweiso noch mal nachlesen wollen wie es wirklich war. Oder zumindest nachschlagen.

Everything you need to know about anything
Nachschlagen ist in jedem Fall dass richtige Stichwort. Herzsstück des Anhalter-Kosmos ist und bleibt der Guide selbst. Ein ganz herausragendes Buch und nicht weniger herausragendes Konzept, ist er weder trockene Enzyklopädie noch vorauseilendes Eingeständnis der eigenen Beschränktheit a la “The Galaxy for Dummies”. Strukturell ähnelt er auf verblüffende Weise dem Netz. Nach Stichworten lassen sich Informationen zu allen denkbaren Themen abrufen, die parallell von einer Heerschar freier Mitarbeiter immer wieder in Echtzeit aktualisiert werden. Wikipedia eben. Aber auch darüber hinaus. Das Buch ist auch deshalb bei Reisenden so beliebt, weil es einen anderen Standpunkt einnimmt als den angeblich keinen einzunehmen. Der Guide ist subjektiv und damit mehr Lebenshilfe als blosses Nachschlagwerk. Zum Thema Liebe merkt er nur trocken an: “Avoid if possible!”. Zudem steht auf seinem Einband groß und breit in sympathischen Lettern geschrieben: Don't Panic. Ein entscheidender Ratschlag.

In der Antike stand der Auftritt des Gottes Pan für einen Moment des Innehaltens. Er bezeichnete ein Einfrieren zwischen den Polen Reflektion und Raserei. Heute sieht die Definition etwas anders aus. Zwischen “panieren” und “Pankarditis” weiss das kleine Fremdworterbuch aus dem Hause Reclam folgendes zu berichten “Panik f (gr) übermächtige Angst (die vernünftiges Denken unmöglich macht)”.

Es ist die Vernunft die Douglas Adams seinem einstürzenden Universum entgegensetzt. Eine Vernunft die jedoch wenig aufklärerische Ontologie und mehr modern logische Relativitätstheorie ist. Die Rettung liegt in der geschaffenen Distanz, die ohne kühle, eben nict aus der Ferne, sondern von der Seite auf das Leben blickt. Das vorbeirauschende Theater der Phänomene ist in all seiner Nichtigkeit, das wichtigste was sich denken lässt. Die Panik dagegen ist affirmativ. Sie stürzt sich auf das Geschehen und begräbt es letztlich unter dem eigenen Ego. Sie nimmt nicht die Welt, sondern sich selbst viel zu wichtig. In diesem Fall ein Buch zur Hand zu haben, das auf so viel Gebieten wichtiges mitzuteilen hat ist ein Segen. Dass Hörspiel, das Buch, den Film allesamt sind sie Hoffnungsmacher und das einmalige Vermächtnis eines der größten Autoren des letzten Jahrhunderts. Adams schrieb keine Parodien wie sein Epigone Terry Partchet, sondern eben Satiren. Texte die sich und den Leser lustig machen, die dabei aber auch einen klaren Standpunkt zum Geschehen einnehmen. Keine Panik, trotz alle dem. Dieser Standpunkt den Douglas Adams dem Leser auf den Weg gibt ist letztlich einer der wenigen mit dem der grotesk unbedeutende Planet Erde mit all seinen schlecht ausgedacht wirkenden Tatsächlichkeiten zu ertragen ist.