Nazipapa war lieb
2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß
»Du kannst mit deinem Film nichts ändern. Ich sehe ihn so, wie er war«, das sind die allerersten Bilder, die wir sehen, die Worte einer Frau, die den Blickkontakt mit ihrem Gegenüber meidet, in ihren Bewegungen seltsam fahrig wirkt und offensichtlich lieber woanders wäre als gerade jetzt vor der Kamera und gerade zu diesem Thema befragt würde: zu Hanns Elard Ludin, Konspirator für Adolf Hitler schon in der Weimarer Republik, SA-Mann der ersten Stunde, nach 1934 einer ihrer obersten Führer, später Stellvertreter des Führeres in der Slowakei, zuständig für die Interessen des Dritten Reiches und die Deportation der Juden. 1947 an die Tschechoswlowakei ausgeliefert und als Kriegsverbrecher hingerichtet. Der Vater der Frau und der Vater des Filmemachers Malte Ludin. It's a Family Affair.
Sechzig Jahre nach dem Tod des Vaters befragt der Dokumentarfilmer seine Geschwister nach den Erinnerungen an den Vater, an den er selbst keine Erinnerung hat, weil er das jüngste von sechs Kindern ist. Keine Biographie eines Nazi-Schergen, sondern ein Zustandsbericht über die Generation der Kinder der Täter, über eine normale deutsche Familie und ihre Verdrängungsmechanismen. Denn natürlich war der Hanns Ludin in den Augen der Geschwister »ein guter Vater«, »immer sehr lustig mit uns Kindern«, ein »liebevoller Ehemann«, und was man sich sonst so zusammenfieselt, wenn es um den eigenen Papi geht, der vielleicht »unter dem Zwang der Verhältnisse« gehandelt hat, aber sich höchstens »Irrtümer, keiner Verbrechen« schuldig gemacht hat. Weiß von nichts – nichts gesehen – darüber wurde nicht geredet – nur Befehle ausgeführt – reines Gewissen, usw. der ganze Katalog von Lebens- und Rechtfertigungslügen wird aufgefahren, dass einem speiübel wird.
Malte Ludin hat einen entlarvenden und schmerzhaften Film über seine Familie gedrehtt, in der die Enkel noch in dem Glauben aufgewachsen sind, Opa sei ein »Widerstandskämpfer« im Nazireich gewesen. Dass er sich mit seinen Schwestern über die Schuldfrage des Vaters auch nach dem Film nie einig werden wird, ist anzunehmen, dass er durch die Arbeit am Film ein anderes Bild des Vaters gewonnen hat, gibt er selbst zu. Ursprünglich sollte es wohl das Porträt eines Verführten werden, von einem, der der Rattenfänger-Ideologie auf den Leim gegangen ist. Aber nach der Durchsicht der Akten, nach Gesprächen mit den Geschwistern und Begegnungen mit denen, die den Befehlen des eigenen Vaters zum Opfer fielen, war ihm das nicht mehr möglich.
In der Diskussion im Anschluß an die Berlinale-Premiere meinte eine Enkelin, sie wollte die Rechtfertigungen ihrer Tante auf keinen Fall politisch verteidigen, aber es habe sie gestört, dass einige der Zuschauer über deren schwachen Ausflüchte gelacht hätten. Recht hat sie. Da gibt's nicht zu lachen, höchstens zu heulen. Vor Wut, vor Trauer oder vor Scham.
DIETMAR KAMMERER
junge Welt, 17.02.2005
