Never Mind the Biopics
LAST DAYS: Man kann Gus Van Sant's Film über die letzten Tage eines Rockstars, der Kurt Cobain ist und nicht ist, als radikalen Gegenentwurf zum Genre des Tote-Musiklerlegenden-Biopics von Ray bis zu Walk the Line, und, in diesem Fall wohl am naheliegendsten, The Doors lesen. GVS's eigene Einstellung dazu wäre wohl: Filmgenres interessieren mich nicht, schon gar nicht deren Überschreitung, Durchkreuzung oder sonstige transgressiven Aktionen. Eher noch die Frage, wie eine reflektiert distanzierte Annäherung an die Wahrheit über einen Freitod gelingen kann, der das Klischee derart übererfüllt, dass alle Erklärungen notwendig fehl gehen müssen.
Last Days ist ein asketischer Film über den ewigen Exzess von Rock'n'Roll, eine minimalistische Studie über den Suizid einer tausendfach abgelichteten Pop-Ikone, dem die Kamera niemals näher kommt als auf mittlere Distanz. Wir sehen, dass wir nichts zu sehen bekommen. Der Film bietet weder Drogen noch Alkohol noch Sex noch psychedelisch entfesselte Kamerafahrten à la Oliver Stone, statt dessen die kontemplative ruhige Hand von Van Sants director of photography Harris Savides, aufgerauht durch diverse Zeit- und Perspektivensprünge der Montage.
Blake/Cobain (Michael Pitt) murmelt unentwegt Unverständliches, während ihm die Kamera auf seinen erratischen Schleichwegen durch die Räumlichkeiten des unübersichtlichen Anwesens folgt, einem Herrschaftshaus mit dem Charme einer maroden Trutzburg. Innen ist alles Dekadenz und Verfall und Abwarten, die Farbe blättert von den Wänden, und während seine Entourage mühsam versucht, die Orgie zumindest auf Sparflamme am Laufen zu halten, bereitet sich der vollständig apathische Blake in der Küche unbeholfen Makkaroni mit Fertig-Käsesoße zu, stolpert mit geladener Schrotflinte in Negligée und Jägermütze durchs Haus oder kombiniert den Freddy-Krüger-Pulli mit dem Retro-Charme der Sixties-Sonnebrille.
Mokierte Elephant, zweiter Teil von Van Sants death trilogy, sich noch über die Frage nach dem Warum des Willens zweier Jungmänner zum Tode, indem er lauter falsche Fährten auslegte über die nach der Columbine-Tragödie in den Medien ausführlich diskutierten möglichen Gründe (Nazis, Killerspiele, Homosexualität, Schulmobbing), streut Last Days wie beiläufig Motive des gewaltsamen Sterbens ein, zwischen Opfertod (Jesus am Kreuz) oder Unfall, wie in der belustigt erzählten Geschichte eines falschen chinesischen Magiers, der so lange Gewehrkugeln mit seinen Zähnen auffing, bis ihm der Trick misslang.
Wir sehen einem zu, der am Ende des Films tot sein wird, einem Dead Man wie Johnny Depp im Film von Jarmusch. Der trug ebenfalls den Namen des englischen Dichters William B., der wiederum Aldoux Huxley das Stichwort zu den "Doors of Perception" lieferte, ein Traktat,das bekanntermaßen zur Lieblingslektüre von Jim Morrison gehörte. Und auf seine Weise erzählt auch dieser Film die Geschichte von der Besiedelung des Westens: Eisenbahnen spielen mehrfach eine Rolle, die Unendlichkeit der Wälder, die Jagd, die Kultivierung des unbebauten Landes. Statt Gitarrengeschrammel spielen Vogelstimmen, Kirchenglocken und kleine kratzende Geräusche die prominenteste Rolle auf der Tonspur. Sounddesigner Leslie Shatz und die Klanglandschaft-Komponistin Hildegard Westerkamp, eine Schülerin R. Murray Schafers, haben für Van Sant ein akustisches Universum gestaltet, in dem der Sound Volumen gewinnt, zum Raum selbst wird, der die Bilder in sich aufnimmt. Musique concréte als Totenklage für den Messias des Grunge. Respektvoller kann eine Verbeugung vor einem Musiker nicht sein.
