Imagine Black Audio Film Collective
1982 ist Kodwo Eshun noch zu jung um mit dabei sein. Während der Teenager die Schulbank drückt, aber womöglich schon mehr von Sun Ra lernt, sitzen am Polytechnikum in Portsmouth eine handvoll Soziologie-, Psychologie- und Kunststudenten zusammen und beschließen, sich fortan eine Gruppe zu nennen, ein Collective, um auf diese Weise Filme herzustellen. Mit dabei waren: John Akomfrah, Reece Auguiste, Edward George, Lina Gopaul, Avril Johnson, Claire Joseph und Trevor Mathison. Auf Fotos aus der Anfangszeit sieht man sie oft auf Dächern sitzen, in lässiger Pose und gern mit Sonnenbrille, eine Geste der Aneignung: Handsworth gehört uns. Die Berichterstattung der ersten Welle der Riots 1981 in Handsworth, einem Vorort von Birmingham, hatte die Gruppe mobilisiert, wenngleich auf noch völlig diffuse Weise.
»We switched our energies from organising events to organising images and sounds« erzählt John Akomfrah zehn Jahre später auf dem Weg nach Cannes in einem Interview mit »Sight and Sound«. Es ging nicht um »Gegendarstellung« oder »Gegenöffentlichkeit«, wie es die zahlreichen politisch motivierten Videokollektive der 80er in der Schweiz, Deutschland oder Österreich gern formulierten, sondern um ein neues Arrangement von Bildern und Tönen, auf eine Weise, die Wahrheit vermeidet und nicht eine neue propagiert. Bild und Ton hat das Black Audio Film Collective ( BAFC) nie als Mittel zum Zweck verstanden, auch am Konzept der Identität waren sie wenig interessiert, da darf man das »black« nicht falsch verstehen. »Black« stand für die Ränder, das Nicht-Allgemeine. »Es ging um die Suche nach Intimität und Singularität inmitten des Morast von Verallgemeinerungen«, so Akomfrah, »um die Notwendigkeit, einen Dialog zu erfinden, zwischen der Geschichte und der Erinnerung.« Begonnen hat das BAFC die Suche in den Archiven, nicht auf der Straße, um das Gefundene zu de-kontextualisieren und zu rekonstruieren.
»Poetisieren« nennt Reece Auguiste ihre Vorgehensweise und schreibt in einem Text in der Zeitschrift Framework/35 über die Hintergründe von »Handsworth Songs«, der vielleicht am offensichtlichsten die kollektive Handschrift trägt: »Anstatt Emotionen, Ungewissheit und Ängste hervorzurufen, mussten wir poetisieren, was durch die Linse der BBC oder anderer Nachrichtensender eingefangen worden war - indem wir jedes Bild poetisierten, gelang es uns, die binäre Opposition zwischen Mythos und Geschichte, Imagination und der tatsächlichen Erfahrung von Gewalt, umzuformen.« Bei der zweiten Welle der Riots in Handsworth vier Jahre später '85, wird die Gruppe zur Stelle sein, selbst filmen und Interviews machen. Mit ihrer Methode, das Archivmaterial zu dekontextualisieren geht das Black Audio Film Collektive so weit, ihr Publikum auch im Unklaren darüber zu lassen, welche der Bilder gefundene sind oder von ihnen gefilmte, ob sie von der BBC stammen oder anderen Nachrichtensendern. Alleingelassen mit der Dichte an Bildern und Tönen bleibt als einzige Gewissheit, darin stimmen die Statements der befragten Bewohner und Bewohnerinnen überein, dass es eben kein race-riot war zwischen Afro-Carribians und Asians, wie es in den Medien behauptet wurde. Welche Bedeutung die Events stattdessen gehabt hätten, darüber allerdings weiss niemand Auskunft zu geben.
»Handsworth Songs« zeigt den Nachhall eines Riot und seine Geister und produziert gleichzeitig, genauso wie die späteren Filme »Testament« (1988), »Twilight City« (1989), »Who Needs a Heart« (1991) und »The Last Angel of History« (1995) eine eigene Art von Theorie. Um das Black Audio Film Collective formierten sich Diskurse, die in die Cultural Studies Departments hineinreichten, aufgegriffen und weitergeführt von Leuten wie Paul Gilroy oder Stuart Hall, aber nicht minder war dem BAFC daran gelegen, ihre Kenntnisse an Technik und Dekonstruktion in Workshops weiterzuvermitteln und eine breiter angelegte Praxis anzuschieben. Vor diesem Hintergrund ist auch der bittere Unterton mancher Rezension zu verstehen, wie in Mute, die anmerkt, dass eben diese sich überkreuzenden Handlungsstränge nun im Museum angelangt seien.
Doch fünfundzwanzig Jare nach der Gründung von BAFC hat es sich Kodwo Eshun zur Aufgabe gemacht, eine Form zu finden, das Nachbeben von Erinnerung, Geschichte und Erfahrung erneut zu de-kontextualisieren, um es auf eine neue Umlaufbahn zu schicken. Inzwischen tritt auch Eshun als Gruppe auf. Zusammen mit Anjalika Sagar gründete er 2002 die Otolith Group - ein Name, der auf die inneren Gehörgänge verweist - und zusammen mit dem Architekten David Adjaye wurde für die Präsentation der Filme ein eigenes Design und Arrangement entworfen - keine programmatische Nachlässigkeit. Und gleichzeitig entziehen sich die Filme des BAFC weiterhin der Vefügbarkeit, wenn man nicht grade in Liverpool, Bristol oder London ins Museum gehen mag. Aber womöglich langt es auch, um das Potenzial zu wissen und die vor allem formale Aktualität dieser Arbeiten zu behaupten. Niemand will alte Helden feiern.
»This movie? Man, it's slammin'«. Kodwo Eshun spricht über »Who Needs A Heart?« (1991). Darf man dem Artikel von Cynthia Rose Glauben schenken, den sie 1990 für die britische Vogue geschrieben hat, dann war das BAFC zu diesem Zeitpunkt vor allem eins: sexy. Und der eben zitierte Kommentar von Kodwo Eshun mag die Sache auf den Punkt bringen. Die Ausführungen von Eshun zu diesem Film um Michael X, so eine Art britischer Malcolm X, sind inzwischen wesentlich differenzierter. Und Akomfrah resümiert: »Wir waren Marginalisierte, wir sind es immer noch, aber nun denken die Leute, diese Marginalisierten sind sexy, attraktiv und politisch wichtig.« Und wieder gibt es Kritik am Vorgehen der Gruppe, sich eine Zeit anzueignen, nämlich die 60er, über eine so umstrittene Figur wie Michael X. »Die Leute fanden es sei respektlos, sich den 60er Jahren ausgerechnet über so eine Pariah Figur zu nähern. Aber der Film handelt weniger von Politik, ich sehe ihn eher als einen Film über Leute, die von einer Figur mitgerissen und politisiert wurden, eher aufgrund von Pop, Style und einer bestimmten Haltung.«
Kodwo Eshun schreibt zu diesem Zeitpunkt, Anfang-Mitte der 90er, unermühtlich für die britische Musikpresse wie Wire ect, arbeitet an seinem Buch »More brilliant than the Sun« und wird nicht müde über jene Kollegen zu schimpfen, die einen Komplex wie HipHop runterbrechen auf soziale Verhältnisse und Erklärungsmuster, ohne die immateriellen, inner-sonorischen und galaktischen Verbindungslinien zu hören und zu faul sind, um nach einem komplett anderen Wortschatz dafür zu suchen. Man hat ihm das oft als Arroganz oder Spinnerei ausgelegt - sein Hören einer Musik »die aus der Zukunft kommt«. Letztlich geht es darum, die sozialen Zusammenhänge mithilfe all der Formen, der Bilder und Töne zu beflügeln und nicht umgekehrt. Es kann helfen, Zynismus zu vermeiden.
Reece Auguiste unterrichtet inzwischen Medien-und Kommunikationswissenschaft an der Universität von Memphis. Avril Johnson arbeitet als Psychotherapeut in London. Lina Gopaul, John Akomfrah und David Lawson gründeten die Produktionsfirma Smoking Dogs Films. Trevor Mathison und Edward George produzierten audio-visuelle Installationen als Flow Motion und elektronische Musik als Hallucinator, bis Mathison 2002 beide Gruppen verließ. Inzwischen arbeitet er als Sound Designer, allein und in Kollaboration mit dem Multimedia Künstler Gary Stewart, unter dem Namen Dub Morphology. The Ghost of Songs...
Annett Busch
erschienen in CameraAustria 98/2007
THE GHOSTS OF SONGS:
A Retrospective of the Black Audio Film Collective
28 April- 24 June 2007
ARNOLFINI GALLERY
16 Narrow Quay
BRISTOL BS1, UK
http://www.smokingdogsfilms.com
http://www.blackaudiofilmcollective.com
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