Cross the Line

The new wave of (post) porn chic might be already over the top but these events evolved as a coincidence and opened up new aspects. So there was Stephanie Rothman at Viennale to present her retrospective and to speak together with Nina Menkes on a panel labeled Exploitation vs Avantgarde, and there was Good Porn for Good Girls a panel in Berlin during the 2.Porn Filmfestival the next evening with six women directors working in the porn industry, including Audacia Ray (New York) and Ovidie (Paris). We then realized the coincidence as a challenge to connect worlds which might be closer but also more distant as one think, to draw mutual lines between working conditions and gaps of potentialities within obviously male dominated genres as Exploitation or Porn but also to question feminism within these fields.

We gave a closer attention to all the talking and you might notice indeed some interesting connections. And we spoke to Stephanie Rothman after having seen »Velvet Vampire« (1971), a film, with all its nudity and desire, one could imagine with a further layer easily as a frame or background story for hardcore. »Directing porn? Not if you would put a gun to my head« Rothman responded truely repellent. What can be the intersting aspect in crossing the line? Maybe the line still isn't so thin. With their appropriating act the women who started directing hardcorde instead of saying "no", who decided to look at and not (only) being looked at, are certainly facing complex challenges while trying to materialize and concretize the diffuse notion of the "other" porn. You can download all three discussions, Narratives of Nudity, Exploitation vs Avantgarde and Good Porn for Good Girls on v2v.

FAZ vom 19.12.2007:

MIT DER VAMPIRIN AUF DEM FLOKATI

"In meiner Rolle als Regisseurin sehen mich die Leute oft als Instrument sexueller Ausbeutung. Frauen die Pornografie machen, bereiten Angst." Ovidie tritt im Dokumentarfilm "Die Pornografinnen" von Marita Neher fast schüchtern auf, Jeans und Bluse, schwarz gefärbte Haare, Nasenring. Mit 19, Ende der 90er, drehte sie als Darstellerin ihren ersten Porno. Heute arbeitet sie als Hausregisseurin beim französischen Sender Canal+ für Late Night Hardcore. Ihre Geschichte klingt  nüchterner als die, die vor einigen Jahren Virginie Despentes mit "Baise Moi" erzählte und die Oberflächen ihrer Filme haben wenig mit dem Arthouse Sex im 35mm Format von Cathrine Breillart zu tun. Begonnen hat Ovidies Geschichte mit den späten Ausläufern von Punk, Porn war daraufhin ihr Ausdruck einer größtmöglichen Provokation und gleichzeitig Akt der Aneignung.

Heute ist "Porn" im "Post-Porn" angekommen und gespenstert durch Museen, Galerien, Konferenzen und Feuilletons, doch irgendetwas läuft dabei schief. Wenn mit Bedeutung aufgeladen wird, was keine hat, verschwindet dann nicht genau das Potential, das sich durch und in einer Situation der Bedeutungslosigkeit und Leere auftun kann?

"Directing Porn? No, not if you put a gun to my head.« Stephanie Rothman, bekannt und zur Legende geworden als feministische Musterschülerin in der B-Movie Fabrik von Roger Corman, sitzt aufrecht und elegant, die weissen Haare hochgesteckt. In der Stimme schwingt etwas Ironisches, zu trocken, um es als Ironie misszuverstehen. Als Rothman Mitte der 60er begann Filme zu drehen, strebte sie eine Gratwanderung an zwischen Vorbildern des Surrealismus, Ingmar Bergman und politischem Engagement. Doch die finanziellen Mittel für ein derartig ambitioniertes Filmprojekt waren rar und so realisierte sie ihre Visionen unter anderen Vorzeichen: Nacktheit, Sex und Action inmitten von Inszenierungen von Alltag, psychodelischen Traumsequenzen, Rachephantasien und flotten Sprüchen, parallel zu Szenen zu Abtreibung, Fragen des Gesundheitswesens oder Vergewaltigung.

Rothmans Interesse gehörte dem Sozialen und dem Konkreten, sowie den daraus resultierenden Konsequenz, nicht dem genrespezisischen Image. Und doch inszeniert sie in "Velvet Vampire" (1971) einen komplizierten Mikrokosmos von Begierden, Blicken und Farben, verzichtet ganz auf das gängige Motiv Eifersucht und entwichelt stattdessen die Figur einer penetrant naive Blondine, die in dem Moment, als sie ihren Mann mit der verführenden, dunkelhaarigen Vampirin auf dem Flokati erwischt, sich nicht abwendet, sondern lieber ganz genau hinsieht. Dieser neugierige, begehrende Blick mag etwas mit Gender zu tun haben, wirkt gleichzeitig aber verschiebbar, verrückbar, austauschbar. Das war vier Jahre bevor Laura Mulvey "Visuelle Lust und narratives Kino" schrieb, einen der grundlegenden Texte der feministischen Filmtheorie, und darin den männlichen und weiblichen Blick dabei wieder klar auseinander dividiert.

Rothmans Filme heute zu sehen hat wenig mit der billigen Freude am Trash zu tun. Sichtbar wird eine bezaubernd zeitgemäße wie zeitlose Ernsthaftigkeit, sowie die Arbeit, Frauenfiguren zu entwerfen, die mit Humor und einer noch wenig geschliffenen Form von Coolness agieren. Porn als Genre, und eben nicht das Kokettieren mit möglichst viel Sex im so genannten Independent Film, mag heute in bestimmten Produktionskontexten vergleichbare Spielräume ermöglichen: innerhalb eines Rahmens mit ebenso klaren wie simplen Vorgaben, in dem die Darstellung von Sex nicht Grenzüberschreitung bedeutet sondern Arbeit und Alltaglichkeit bis hin zur Bedeutungslosigkeit. Wenn alles offen liegt und längst gezeigt ist, muss der Blick auf Körper und Kontext neu fokussiert werden. Für Ovidie war das Genre nicht Kompromiss, sie begann mit einer ehrgeizigen Vision: "Ich wollte die Industrie verändern. Wenn Frauen anfangen Filme zu machen, so dachte ich, würde sich irgendwann auch der Blick der Zuschauer verändern." Was dann ein guter Porno sei? "Wenn alle Beteiligten gute Arbeitsbedingungen haben."

Ovidie ist längst keine Ausnahme mehr. Auf dem zweiten Pornfilmfestival in Berlin verweist einer der beiden Kuratoren, Jürgen Brüning, stolz auf Statistik: Beim Pornfilmfestival seien mehr Regisseurinnen vertreten als bei der Berlinale, über 25 Prozent. Sechs von ihnen sitzen zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Good Porn for Good Girls" zusammen. Unvermeidbar ist die Frage, was denn das Andere am anderen Porno sei und auf welche Weise sich ein weiblicher Blicke manifestiere. Mit Weichzeichner und Kuschelsex hat das nichts zu tun - und vielleicht ist es das einzige worauf sich alle verständigen mögen. Doch sobald es darum geht, etwas konkreter über Bilder, Einstellung und Haltung zu reden, ziehen sich die Protagonistinnen rasch auf Allgemeinplätze und die Beliebigkeit immer weiter ausdifferenzierter geschmacklicher Vorlieben zurück.

Die Frage nach der aktuellen Bestimmung des progressiven pornografischen Bildes rührt am Sagbaren. Dass die Diskussion zwischen Stephanie Rothman und der Filmemacherin Nina Menkes beim Wiener Filmfestival "Viennale" fast gleichzeitig mit der Diskussionsrunde beim Pornfestival in Berlin stattfand, offenbarte ganz erstaunliche Parallelen: Das eigene Handeln als feministisch zu begreifen, sich aber gleichzeitig auch nicht mit der Begründung "Frau zu sein" aus der Affäre zu ziehen und dabei genau zu wissen, welche feinen Unterschiede diese Tatsache bei bestimmten Entscheidungen dennoch spielt.

Auf dem Podium in Berlin saß auch Audacia Ray, die ähnlich wie Ovidie mehrere Felder bespielt, und mühelos und selbstbewusst zwischen Akademie und Set wechselt. Die Autorin von "Naked on the Internet" ist im avancierten Sammelband "C'Lickme - A Netporn Studies Reader" des Amsterdamer "Institute of network cultures" vertreten. In ihrem Text macht sie deutlich, wie entscheidend die Vernetzung via Internet für die Selbstorganisation von Sexarbeiterinnen wurde. In ihrer ersten Regiearbeit "The Bi-Apple" entwickelt sie die Figur einer aufgeschlossenen Wissenschaftlerin, die im "Fuckhouse" in New York die Sexualpraktiken aller möglichen Paare untersucht. Die distanzierten, neugierigen, voyeuristischen oder begehrenden Blicke lassen sich dabei längst nicht mehr voneinander trennen. Produziert von der Mainstream-Porn Company "Adam and Eve" wurde "The Bi-Apple", vor allem zur Überraschung der Geldgeber, zum lukrativen Erfolg.

Rothmans Erfolgsgeschichte dauerte kaum zehn Jahre. Mitte der 70er hatte sie alles durchdekliniert, was im Genre Exploitation damals möglich war und strebte, wie ihre Kollegen Scorsese, Coppola, Bogdanovich, Demme oder Cameron, danach, "richtige" Filme zu drehen, ernste Stoffe mit angemessenem Budget. Aber kein Produzent ließ sich darauf ein. "Und es lag sicherlich nicht daran, dass ich schlechter war als meine Kollegen." Ausreden hat sich Rothman viele anhören müssen, zum Beispiel sie sei zu sehr auf "Exploitation" festgelegt. Ob es den heutigen Regisseurinnen des Postporn Genres einmal erlaubt werden wird, die Grenze zur "non-rated" Filmproduktion zu überschreiten, ist eine andere Frage. Stephanie Rothman hat längst das Genre gewechselt und ist wiederum in einem Bereich gelandet, den sie sich nicht unbedingt ausgesucht hat und der gar nicht so weit von Hardcore entfernt ist: der Immobilienmarkt.

Annett Busch