The Cinema of Todd Haynes: All That Heaven Allows

"Theorie wär grau". Die Filmkritikerin Frieda Grafe wählte die Bemerkung als Überschrift, um ihre Überlegungen zu "Filmfarben" einzuleiten. "Die Farben handeln selbst" wird sie an anderer Stelle sagen und führt diese schwer zu zähmende Eigenständigkeit unter anderem bei Douglas Sirk aus: "Auch in 'All That Heaven Allows' verpasst man die eigentliche Funktion der Farbe, wenn man sie festlegt auf symbolische Bedeutungen zur Beschreibung der psychologischen Verfassung der Charaktere. Die Farben nehmen einen an der Hand. Sie sind der verbindende rote Faden zwischen den Personen. Durch sie dringt etwas in die Menschen ein, das erst nach und nach sich zu Gefühlen konkretisiert." Die Hommage von Todd Haynes an Douglas Sirk, "Far from Heaven", kommt 2002 in die Kinos, im Juli deselben Jahres stirbt Frieda Grafe, Todd Haynes und Frieda Grafe haben sich nie getroffen, doch ihre jeweiligen Bemerkungen zu Farbe und Gefühl ließen sich wie Dialoge montieren: "Ich denke es geht um Intensitäten, die allein aus einer synthetischen Filmsprache heraus entstehen, aus künstlich erzeugten Erfahrungen, die wir aus Filmen kennen, und dennoch investieren wir diese intensiven Gefühle." Und darauf Grafe: "Ich sehe was, was du nicht fühlst."

Was aber hat Theorie mit der Farbe grau zu schaffen? Eine so simple Analogie wie Langeweile oder Unscheinbarkeit kann Friede Grafe nicht gemeint haben. Grau ist immer eine Mischung, eine Abstufung, ein Ton, eine Schattierung, eine Zone, eine Überlagerung, wie Theorie eine "Unzufriedenheit reflektiert gegenüber einer aktuellen oder vorherrschenden Praxis", so James Morrison, der als Herausgeber des Buches "The Cinema of Todd Haynes", das Verhältnis von Theorie und Praxis bei Haynes letztlich auch als Grauzone beschreibt, die imstande ist, etwas anderes, neues zu werden, was nicht mehr und noch nicht in Worte gefasst ist, das melodramatische Paradox der Postmoderne, was keine Narration, keine Vernunft betonende Analyse, sondern eher eine Intensität, ein Befremden evoziert, und sich doch schon löst von seinem Herstellungsprozess, Oberfläche wird, um wiederum neue (Film-)Theorie anzuregen.

Welche Praxis, welche Theorie, welcher Film? Die Filme von Todd Haynes beflügeln nun schon seit einigen Jahren eine akademische Lesart. Vor allem im Umfeld der feministischen Film- und Medien Zeitschrift Camera Obscura, wo 2003 Sharon Willis mit "Politics of Disappointment" selten detailliert die verschiedenen Aspekte ausbreitet, in welcher Weise sich "Far from Heaven" auf Douglas Sirk bezieht, davon abhebt und dabei unter anderem ausführt, wie Haynes mit seiner Sirk Reflektion feministische Filmtheorie selbst mit verarbeitet. Wenige Monate später widmet die Zeitschrift Todd Haynes ein ganzes Sonderheft. Hier findet sich auch der viel zitierte Aufsatz von Mary Ann Doane, "Pathos und Pathology", wo sie die zentrale Frage stellt: "Ist es notwendig die Quelle zu kennen, um die Arbeit am Zitat zu erfassen? Ist der perfekte Zuschauer für diese Filme der alerte Cinephile mit einem spezialisierten und in gewisser Weise geheimen Wissen?" Und schließlich zu dem Schluss kommt: "Das Kino von Haynes zeigt weniger, dass das Bild innerhalb eines Genre angesiedelt ist, sondern dass das Generische ins Bild eindringt, seine Singularität verringert, es für die Wiedererkennung verfügbar macht. So macht das Zitat nur einen Mechanismus explizit, der überall im Kino präsent ist."

Spuren dieser Texte finden sich wiederum in den Fußnoten vieler Beiträge aus "The Cinema of Todd Haynes - all that heaven allows", die ihrerseits eine Verschiebung vornehmen. Die Texte gruppieren sich um Begriffe wie Abstraktion, Aktivismus, Desire, Farbe, Narration und Oberfläche und explizit um Diskurse von Queerness und AIDS, und sprechen dabei konstant aus, was Filme wie "Superstar: The Karen Carpenter Story" (1987), "Poison" (1991), "Safe" (1995) oder "Velvet Goldmine" (1998) allenfalls andeuten. Vor allem aber der letzte Beitrag von Alexandra Juhasz, "From the Scenes of Queens: Genre, AIDS and Queer Love" schenkt dem Band eine Dimension, die über den eifrig filmtheoretischen Tonfall deutlich hinausweist. Sie analysiert weniger die Filme an sich, sondern bindet sie an eine politische Praxis und Erfahrung, eine Ebene, die man den Filmen nie unmittelbar ansieht. Alexandra Juhasz schreibt daneben, als Freundin, sagt "ich" und erzählt durch die Filme hindurch die Geschichte von einem Mann, der Anfang der 90er, viel zu jung natürlich, an den Folgen von AIDS gestorben ist, eine Liebesgeschichte. Durch ihre Sprache wiederum dringt auf beinahe bekennende Weise noch immer schmerzende Ratlosigkeit, sie erwähnt ihr eigenes Coming Out und mutige Grenzüberschreitung, erzählt von Schwulenclubs und Striptease, der AIDS Depression in den 80ern und der Gründung von ACT UP als entscheidend befreiendem Handlungsakt. Todd Haynes ist Teil davon. Das aktivistische Moment dabei, das Sichtbarmachen, eine Sprache für AIDS finden, Kampagnen- und Repräsentationspolitik, zu all dem verhält sich das Kino von Todd Haynes wiederum wie Theoriebildung. Als ein Akt der Abstraktion, ästhetischer Einwand. So geht es hin und her. In den Texten des Sammelbands wird gern betont, dass die Bedeutung zwischen den Dingen und Figuren, nie in ihnen selbst liege und so verstanden arbeitet auch ein Begriff wie "queer", der bald als eigenes Identitätsmerkmal gehandelt wird, wiederum jeder Identitätsbildung entgegen.

"The Cinema of Todd Haynes - all that Heaven allows" ist erschienen, bevor "I'm not There" im Kino anlief, seit "Far from Heaven" (2002) sind fünf Jahre vergangen, da kann viel passieren. Filme verändern sich mit ihrem Budget und ihren Produktionsbedingungen, "I'm not There" ist mit Abstand der aufwendigste und teuerste und doch ereignet sich hier etwas anderes als "Mainstream Werden". Vielleicht sogar das Gegenteil. Während Fernsehserien wie "L-Word", "Ugly Betty" oder "Queer as Folk" Camp und Identitätswerdung in all ihren Facetten nun zur Hauptsendezeit durchspielen dürfen, die Ränder vorzeigbar machen, greift Todd Haynes nach der Mitte. Es geht um Amerika und die Herausforderung heißt Authentizität, oder besser, ihr aufwendiger Herstellungsprozess und das Bedürfnis, genau diesen nicht wahrnehmen zu wollen. Dazu dient Haynes eine Figur wie Bob Dylan. »There was this constant desire for him to be authentic, in each one of these selfes, they didn't just come from an american sensibility but it also came from the fact that he kind of truly lives and dies in the moment." Um den Eindruck von Unmittelbarkeit herzustellen, um eben jene Intensität hervorzurufen, die es vermag, in all ihrer Verdichtung, durch das Vermittelte hindurch auf ein historisch oder gegenwärtiges Reales zu verweisen, sei es auf Vietnam, eine Liebe, einen erbitterten Minenstreik in den 20ern, Black Panther, das geht immer nur auf Umwegen. Eine generische Oberfläche zu erschaffen mithilfe von Ausstattung, Mythen, Filmgeschichte, Zitat, Re-mix und Cover-Versionen ist eine Form von Theorie. Die Herausforderung für die Filmtheorie besteht dann weniger darin, herauszufinden wieviel Zeit-Bild in dieser Oberfläche steckt, sondern womöglich eher, eine neue Geschichte zu erzählen. Eine Theorie, die den Produktionsapparat durchdringt, inmitten der Kulturindustrie und ihr nicht entgegen wirkt kann nur wunderbar schwer zu bestimmende Grauschattierung sein.

Text: Annett Busch
Erschienen in Camera Austria 102
The Cinema of Todd Haynes: All That Heaven Allows Edited by James Morrison. London: Wallflower Press, 2007 181 pp., illus. Paper: $25.00.