Repetition is the Mother of Zombification

Warum Zombies loopen, was anders werden sollte und warum es tödlich ist, jeden Abend in dieselbe Bar zu gehen: erklärt mit Edgar Wrights »Shaun of the Dead« und einigen anderen Highlights aus dem Reich der lebenden Toten.

»There is a girl in the garden.« Eine scheinbar recht linkische junge Dame, dreht Shaun und Ed ihren Rücken zu. Auf mehrmaliges Zurufen reagiert sie nicht, also fasst sich Ed ein Herz und bewirft sie mit einer Kastanie. Da dreht sie sich unbeholfen um und die beiden blicken in eine graue, verzerrte Fratze mit ausdruckslosen Glupschaugen, als es Shaun entfährt: »Oh my god look at her...she’s so drunk!«. Wir sehen immer das, was wir meinen zu kennen, nur weil wir es schon hundert mal gesehen haben. Dass die Dame nicht betrunken, sondern untot ist müssen Shaun und Ed, in Edgar Wrights »Shaun of the Dead«, noch auf sehr schmerzhafte Weise erfahren.

Seinen Ursprung hat der Zombie in der haitianischen Patchworkreligion Voodoo. Das Wort leitet sich vom bösen westafrikanischen Spirit Nzumbi ab. Wesensverwandt ist er dem Golem. Er dient zunächst bedingungslos seinem Erschaffer, in diesem Fall einem Priester der sich der dunklen Seite jener originellen Mischung aus afrikanischer Geisterlehre und europäischem Katholizismus verschrieben hat. Als willenlose Hülle, auferstanden von den Toten eignet er sich hervorragend zur Erfüllung kleinerer Aufgaben und größerer Rachefeldzüge. Eigene Interessen kennt er nicht. Ein hübsches Körperwerkzeug ohne lästige Seele und ein Mythos der unzweifelhaft von der Geschichte der Sklaverei beeinflusst ist.

Vor 1968 hält sich auch der Filmzombie weitgehend an diese Vorgaben. In den beiden Klassikern „White Zombie“ von 1932 und »I walked with a Zombie« von 1943 und sogar schon früher in Gestalt des Cesare in Robert Wienes Stummfilm »Das Kabinett des Dr. Caligari« fungiert er nur als gruselerzeugender verlängerter Arm seines Schöpfers. Dem bleibt es damit auch vorbehalten, ob als Mad Scientist oder Schwarzer Magier, aus freien Stücken zum Schurken zu werden. Der Zombie hat keine Wahl. Sein Meister schon. Zum ikonographischen Selbstläufer der er heute ist wird der Zombie erst als mit George A. Romeros »Night of the Living Dead« seine Moderne anbricht. Jetzt braucht es keinen Schöpfer mehr damit die Toten auf der Erde wandeln. Romero geht sogar so weit, dass in keinem Film seiner Zombietrilogie eine eindeutige Erklärung für das Phänomen gegeben wird. Was bleibt ist der einleitende Satz aus »Dawn of the Dead« »When there is no more room in hell, the dead will walk the earth.« Hinzu kommt ein seltsamer Restwille, der Hunger nach Menschenfleisch und die Inszenierung des Zombieseins als ansteckende Krankheit.

Die damit geschaffene Nähe zum Vampir ist aber nur eine scheinbare. Der Zombie hat keine Wurzeln in der schwülstigen Erzähltradition des Gothic Horror. Ihm fehlt jedwede erotische Komponente. Das verspeisen von Menschen greift die schiere Verletzbarkeit der Hülle Körper viel stärker auf, als die damit verbundenen sexuellen Konnotationen. Vielleicht eignet er sich ja gerade deshalb so hervorragend, um alle anderen Diskurse aufzuarbeiten. Reduziert auf ihre bloße Phänomenologie, als geist- und geschlechtslose Körpermasse, stakst ein Heer lebender Toter auf die zumeist restlos überforderten Protagonisten zu. Aus dieser Grundkonstellation bastelt Romero drei herausragende Zustandsbeschreibungen eines US-amerikanischen Gesellschaft in der jeweiligen Dekade. In »Night of the living dead« (1968) geht es um die Bedrohung Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung im Süden und das Sittenbild einer zutiefst gespaltenen Nation, der der gemeinsame Nenner abhanden gekommen zu sein scheint. »Dawn of the Dead«, angesiedelt in einer Shopping Mall, überspitzt die amerikanische Konsumidylle der späten 70er Jahre, genau wie das Hippieideal vom Kommunenleben und dessen von Charles Manson angetriebene böse Spiegelseite in Form einer anarchisch marodierenden Motorradgang. Egal ob kapitalistisch oder gegenkulturell. Die Entwürfe werden scheitern. So bleibt Mitte der 80er Jahre, passend zum Höhepunkt des kalten Krieges, in »Day of the Dead«, nur die totale Isolation in einem unterirdischen Bunker. Die Möglichkeit in der Welt außerhalb zu leben, ist eine unerreichbare Utopie geworden. Ebenso illuster wie die Settings, sind die akademischen Lesarten der Trilogie, die von Feminismus, über Consumerism bis zum Postkolonialismus eine scheinbar unendliche Fülle von Themen und Thesen an Romeros Filmen festmachen. Der Zombie ist nur das Vehikel mit dessen Hilfe ganz andere Geschichten erzählt werden.

Ein Genre, das so fest geschriebene Regeln und Bilder hat, die als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können, bettelt geradezu darum, dass postmoderner Unfug mit ihm getrieben wird. Sei es in Form von Hommagen an die Vorgänger wie Atsushi Murogas »Junk: Shiryo Gari« oder als Parodie wie im Fall von Peter Jacksons »Brain Dead«, in den 90er Jahren hatte das Thema ein kleines Revival. Und erst kürzlich hat Hollywood es sich nicht nehmen lassen ein Remake von »Dawn of the Dead« zu drehen. Ob als Statisten in Musikvideos, Kanonefutter in Computerspielen, schale Metapher oder dualistische Gedankenspiel a la Chalmers, Zombies sind überall. Wir kennen sie und nehmen ihre Existenz als gegeben hin. Auf dieser Bekanntheit der untoten Gestalten basiert jedes Zitat, jede Hommage und jede Parodie.

Auch Robert Wrights »Shaun of the Dead.« Ein Film der sich der langen Tradition in der er steht bewusst ist und dementsprechend Wagenladungen an Zitaten und Referenzen auffährt. Wichtig ist hier, wie anderswo auch, der Kontext. Diesmal ein Vorort von London. Titelgebender Held ist jener Shaun. Ein Paradeexemplar der Gattung Lad. Jeden Abend im Pub, leicht planlos, aber im Grunde herzensgut laviert er sich durch sein Leben. Vor und nach der Ankunft der Zombies. Einer der vielen Stärken des Autorenteams Edgar Wright/Simon Pegg ist es detailliert beobachtete Charaktere und Szenarien mit absurden Situationen zu untergraben. Das haben beide nicht zuletzt mit der BBC Serie »Spaced« bewiesen. Sie bleiben ihrem Kontext treu, egal was passiert. In einer der vielen Anspielungen auf Romeros Trilogie, der Nachrichtenberichterstattung im Fernsehen, die bei letzterem noch dazu dient den Grad an Isolation und Apokalypse zu steigern, bringen sie ihr Konzept auf den Punkt. Shaun scheint sich keine Spur dafür zu interessieren, dass das Ende der Welt gekommen ist, sondern zappt gelangweilt durch die Kanäle. So erhält er aber zumindest unterbewusst durch einen Cut-Up verschiedener Satzfetzen genau die Information die wichtig ist. Die Toten sind gekommen um die Lebenden zu holen. Das Verpassen ist Shauns Charakter geschuldet. Er geht mit dem Medium Fernsehen um wie er es gewohnt ist. An anderer Stelle treibt der Film die Spannung zwischen seiner Realität und den Realitäten seiner Vorgänger auf die Spitze. Ed nimmt, im übrigen tatsächlich das einzige Mal das dies passiert, das Wort Zombie in den Mund, und wird sofort von Shaun zurechtgewiesen, das doch bitte zu unterlassen, es sei »ridicolous«. Die beiden wissen um Romero und die Mythologie des modernen Zombies, doch während Ed kindlich naiv seinem Nerdism freien Lauf lässt, schämt sich Shaun fast ein wenig für dieses Wissen, und vielleicht noch mehr dafür, dass es jetzt tatsächlich einmal nützlich sein könnte.

Bis hierhin ließe sich gut und gerne glauben, »Shaun of the Dead« sei, wie der Titel vermuten lässt, eine reine Parodie. Doch dazu bricht der Film auch dieses Genre zu vehement. Er stellt eher die Frage was passiert wenn ein grundsätzlich parodistisches Setting wie Spaced auf einmal mit realen Untoten konfrontiert wird. Nur so lässt sich die todernste Dramatik erklären die Wright in wenigen intensiven Momenten aufkommen lässt. Was er dann ist? Nun die Tagline, und scheinbar auch die Meinung der Autoren scheint zu sein: »A romantic comedy – with Zombies«.

Griffig und nicht unwahr, aber »Shaun of the Dead« ist durchaus mehr. Nicht zuletzt die mit schlauste filmische Meditation zum Thema Routine. In diesem Film passiert fast alles zweimal. Auf ausreichend Ebenen verhandelt er die Frage wie es sich nicht vermeiden lässt durch ständige Wiederholung des immer gleichen selbst zum Zombie zu werden. In der pointiertesten Sequenzen, beschreitet Shaun, wie zu Beginn des Films seinen ewig gleichen Weg zum Deli-Markt an der Ecke um dort, nicht ohne Stolz, und nach kurzem Zögern das erste Mal keine Cola sondern eine Cola light zu erstehen. Dass die Welt um ihn herum diese Veränderung jedoch längst vorweggenommen hat, indem sie zur blutigen Heimstätte lebender Toter geworden ist, entgeht ihm in seiner introvertierten Katerstimmung dabei völlig.

Auch die zentrale Entscheidung Zuflucht in seiner Stammkneipe, dem Winchester zu suchen, ist vor allem deshalb ein fataler Fehler, weil sie nur das darstellt, was Shaun ohnehin getan hätte, ob mit oder ohne Zombies. Er folgt ohne es zu merken dem selben Trieb, der Romeros Untote in »Dawn of the Dead« in Scharen zur Shopping Mall pilgern lässt und den einer der Überlebenden mit dem Ausspruch »Dieser Ort hat in einem früheren Leben eine wichtige Rolle gespielt. Deshalb kommen sie hier her.« erklärt. Ein Zombieverhaltensmuster übersetzt ins London im Jahre 2004, das üble Konsequenzen nach sich zieht.

Dass es auch anders gegangen wäre lässt sich an einer Schlüsselszene des Films festmachen. Auf ihrem Weg ins scheinbar sichere Pub begegnen Shaun und Gefolge ihren exakten Spiegelbildern. Angeführt von der Spaced Hauptdarstellerin Jessica Stevenson, steht Gruppe 2 für die mögliche Alternative mal abends wo anders hin zu gehen, um zu überleben. Sie ist es schlussendlich auch die Shaun und Freundin rettet. Ihr Weg, auch wenn wir ihn nur ahnen können, war ohne Zweifel erfolgreicher. Eben einmal nicht das tun, was sie immer tut.

Den Zombie als Loop zu denken der uns alle täglich bedroht, als das stoische Wiederholen dessen was wir kennen, nur weil wir es kennen, ist, was »Shaun of the Dead« außergewöhnlich macht. Bei Romero endete die Geschichte im Bunker des kalten Krieges. Bei Wright kommt sie in den Jahren 90ff. an. Ihrem oft postulierten Ende. Wir drehen uns im Kreis. Ständig immer wieder und wieder. Auch Zombies als Massen, als Metaphern, als wasauchimmer eignen sich nach wie vor bestens um unterirdische Zustände der Gesellschaft die sie heimsuchen zu Tage zu fördern. Wright liefert, genau wie Romero keinen klaren Ausweg aus dem Dilemma, aber er deutet ihn zumindest an. Und genau wie bei den letzten beiden Teilen der Trilogie, ist es eine Frau die im Angesicht der Zombification als einzige rational handelt. Denn, machen wir uns nichts vor, den Gang der Dinge zu akzeptieren und zur Routine zurückzukehren, ist als Entscheidung viel zu emotional, um mit dem Ende der Welt fertig zu werden.

Text: Hias Wrba