Lumumba: Just Words
Raoul Peck studierte an der Berliner Filmhochschule, fuhr Taxi in New York und war Kulturminister in Haiti. In »Lumumba« widmet er sich bereits zum zweiten Mal dem Leben und der Ermordung des charismatischen ersten Premierministers der Demokratischen Republik Kongo.

Der schmale, hoch gewachsene Mann mit Brille sieht in seiner neuen Residenz etwas verlassen aus. Nur für einen kurzen Moment folgt die Kamera dem Blick Patrice Lumumbas aus dem Fenster. Auf dem Rasen vor dem Haus hüpfen Kinder im Kreis. Bevor es kitschig werden könnte, wird Lumumba gestört und wendet seine Aufmerksamkeit wieder Joseph Mobutu zu.
Einen ähnlichen Blickwinkel zeigte schon einmal ein Film, der sich um den ersten Premierminister des unabhängig gewordenen Belgisch-Kongo dreht: »Lumumba-Tod des Propheten« von 1991. Festgehalten wurde diese Szene damals in wackligem Schwarzweiß von einer Super-8-Kamera. Eines der tobenden Kinder heißt Raoul Peck. Beide Szenen verweisen auf dieselbe Zeit und Stadt (1961, Leopoldville), nicht aber auf dasselbe Haus. Die Super-8 Bilder zeigen Pecks Zuhause. Raoul ist etwa acht Jahre alt, die Familie ist gerade von Haiti nach Zaire gezogen. Im selben Jahr wird Lumumba ermordert.
30 Jahre später macht sich Raoul Peck zum ersten Mal mit der Kamera auf die Suche nach diesem Mann, von dem seine Mutter ihm Sagenhaftes erzählte, der seine Kindheit irgendwie prägte und dessen Blick auf einem Foto ihn nicht mehr losließ, obwohl er längst zur politischen Legende geronnen war. In der Zwischenzeit hat er in Frankreich und Deutschland studiert, sich zum Wirtschaftsingenieur ausbilden lassen, als Journalist und Fotograf gearbeitet, die Filmhochschule in Berlin abgeschlossen, den Spielfilm »Haitian Corner« (1987) und einige Kurzfilme gedreht.

Pecks erster Lumumba-Film lebt davon, dass der Regisseur weder an Bilder noch in das Land seines Helden gelassen wird und daher aus der Not eine Tugend machen muss: Zu regennassen Fassaden des pompösen Grand Place in Brüssel oder in der Metro oder auf den freudlosen Gesichtern Straßenbahn fahrender Belgier werden rätselhafte Namen wie Katanga, Lumumba, Tschombé, Kasa-Vubu geflüstert, und die Super-8-Intimität privater Aufnahmen mogelt sich zwischen Interviews und Sektempfang. Es gilt, ein Rätsel zu lösen, Fragen zu stellen. Wer war dieser Lumumba? Wer hat ihn umgebracht? Was machte den charismatischen Mann so gefährlich und was hat der Regisseur mit diesem Lumumba zu tun? Wie geht Erinnern? Welche Geschichtsversionen werden erzählt? Zwischen den unterschiedlichen Film-Fragmenten und -Materialien und dem fragend-zweifelnd-poetischen Kommentar der Dokumentation blitzen manchmal bruckstückahfte Wahrheiten auf.
Nach »Lumumba - Tod des Propheten« widmet sich Raoul Peck anderen Themen, anderen Notwendigkeiten - und doch hat alles miteinander zu tun. Nochmal und immer ist sein Thema Haiti: »L'homme sur les quais«, ein Spielfilm, ein Thriller über die Zeit des Duvalier-Regimes, beschert ihm viel Lob, nicht nur in Cannes. Dann folgt die Entscheidung, sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Politiker einzumischen: Raoul Peck wird Kulturminister unter Aristide in Haiti. Er will den ihm zur Verfügung stehenden Handlungsspielraum testen und stellt bald dessen Berschränkungen fest. Dabei entstehen drei kürzere Dokumentarfilme: »Dialogue with Death«, »Haiti, Warten auf die Rückkehr«, »Haiti, le silence des chiens«. Als Peck1997 von Catherine David zur Dokumenta X eingeladen wird, hat er nach 18 Monaten Minister-Dasein die Rolle des Politikers bereits wieder aufgegeben und ist Lumumba um einiges näher: »Es war diese so bereichernde wie kräftezehrende Erfahrung, die mich wieder zu meinem Lumumba-Projekt zurück führte. Es gab mir die Möglichkeit, meine eigenen Erfahrungen zu reflektieren, ein politisches Schicksal zu resümieren, das von Anfang an verzerrt und mit Kompromissen beladen war .... . Als eine Möglichkeit, meinen Schmerz, mein Bedauern, meine Wut zu überwinden.«

»Lumumba«, der Spielfilm, beginnt, wo die Doku endet: auf den Gesichtern derer, die beim diplomatischen Empfang mit Sektglas in der Hand der offiziellen Version der Geschichte lauschen. Was man ihnen wohl nicht erzählt, wird gezeigt: Schwarze Limousinen rauschen über holprige Sandwege durch die Savanne. Kurz darauf werden drei Männer an einen Baum gestellt und erschossen. Einer von ihnen ist Premierminister Lumumba. Von diesem aber soll nichts übrig bleiben - und das bedeutet dreckige, stinkende Arbeit. Ein weißer und ein schwarzer Mann zersägen die Leiche, überschütten sie mit Säure und verbrennen die Reste des ehemaligen Premiers, während sie sich mit Whisky voll laufen lassen. Im Off lässt Peck Lumumba einen Abschiedsbrief an seine Frau vorlesen. »Ich habe nur laut einen Traum ausgesprochen. Den Traum von Freiheit und Brüderlichkeit. Worte, die sie nicht ertragen konnten. Nur Worte.«
Am Ende des Films setzt Peck die letzt Handgriffe, die zur kompletten Vernichtung der Leiche notwendig sind, gegen eine Schweigeminute, die der inzwischen mit seinem Leopardenfellmützchen regierende, opportunistische Mobutu Sese Seko fünf Jahre später zu Lumumbas Gedenken verordnet hat. Mobutu, der im internationalen Komplott gegen seinen ehemaligen Chef keine unwichtige Rolle spielte, hat längst begriffen, was mit Lumumba zu machen und was mit nicht zu machen war. Worte für's Volk, also eine anti-imperialistische, identiätsstiftende Rhetorik ist eine Sache, Worte für die Verhandlungen mit westlichen Politikern eine andere.
Worte und ihre Sprengkraft. Wer nennt was wie und meint was damit? »In Wirklichkeit hat Lumumbu nichts ›getan‹ - er hatte nie die Zeit dazu. Warum wurde er dann getötet?« fragt Peck. Er zeigt, dass der rhethorisch versierte Lumumba nicht still zu kriegen war. In der legendären Rede, die Lumumba, der Prophet, während der Unabhängigkeitsveranstaltung vor dem belgischen Parlament und dem belgischen König hält, begeht er die diplomatische Ungeheuerlichkeit, nicht »Dankeschön« zu sagen, sondern nennt Sklaverei Sklaverei und die Befreiung von den Kolonialherren einen harten, selbstgeführten Kampf. Das wird man Lumumba nicht verzeihen. Parallel sieht man, wie im just unabhängig gewordenen Kongo Trauben von Menschen vor zig kleinen Radios hängen und jubeln. Endlich sagt es einer - und endlich hat daraus einer einen Film gemacht.
Lumumba wird nicht von Denzel Washington gespielt, sondern von Eriq Ebounay, daher ist der Film kein politisches Rührstück über eine historische, charismatische-komplexe Persönlichkeit, sondern eine recht spröde Lektion über eine der politischen Ungeheuerlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Vom gefeuerten, weil zu aufmüpfigen Postbeamten zum eloquenten Bierverkäufer, vom verhafteten und eingekerkerten Anführer der jungen Partei des Mouvement National Congolais zum Teilnehmer am runden Tisch in Brüssel, vom umjubelten Staatsmann zum politischen Flüchtling - Raoul Peck bebildert zwar detailliert dieselben biografischen Stationen Lumumbas, die bereits Aimé Cesaire in seinem Theaterstück »Une saison au Congo« 1966 aufgreift, aber er will nicht den Menschen Patrice Lumumba erklären. Er schaunt ihn sich interessiert an, bringt Bilder in Bewegung, die man nur von Fotos kennt und inszeniert eine Version davon, wie es gewesen sein könnte. Die Kamera bleibt distanziert in Verhandlungszimmern, im Flugzeug, zu Hause, achtet genau auf Sprachregelung und Stimmungsschwankung.
Der Film fragt sich ständig, warum der Premier immer mehr ins Abseits geriet, immer entrückter, prophetischer wirkte, und das Ende der Geschichte immer unabwendbarer wurde. Wer aber im Hintergrund mit wem an welchen Komplotten und Plänen schmiedete, das kann man nur erahnen. Oder Ludo de Wittes Buch »Regierungsauftrag Mord - Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise« lesen. Der Soziologe ergänzt, analysiert, erklärt, was das Drehbuch nicht leisten kann - als hätten die beiden sich abgesprochen. Danach wird, wer noch einen Funken Glauben and die Menschheit hatte, auch diesen längst verloren haben.
Text: Annett Busch
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